Deutsches Förderprogramm für Augenheilkunde

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Deutsches
Förderprogramm
für Augenheilkunde

Prof. Antonia Joussen

Prof. Antonia Joussen
Prof. Antonia Joussen

Prof. Antonia Joussen, Leiterin Klinik für Augenheilkunde,
Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum

 

Interview

Frau Professor Joussen, in der Vergangenheit haben Erfindungen deutscher Experten der Augenheilkunde entscheidende Impulse gegeben. Welche sind für Sie auch heute noch von wegweisender Bedeutung?

Wegweisende Erfindungen hat es in der Augenheilkunde immer wieder gegeben. Man denke nur an die Erfindung des Augenspiegels durch Helmholtz, die periphere Iridektomie in der Glaukomchirurgie durch Albrecht von Graefe, dessen 150. Todestag wir ja im kommenden Jahr feiern werden.
Aber auch in der jüngeren Zeit hat es immer wieder Erfindungen in der Augenheilkunde gegeben, die die Therapiemöglichkeiten für den Patienten entscheidend verbessern konnten – man denke nur an die Phakoemulsifikation durch Charles Kelman, an die Entwicklung der Vitrektomie durch Robert Machemer. Darüber hinaus sind es natürlich die vielen Details, die im Verlauf eine solche Methode erst klinikreif machen.

Sehen Sie aktuell bahnbrechende Entwicklungen in der Augenheilkunde, die mit den Erfindungen der Vergangenheit schritthalten können?

In den letzten 20 Jahren sind es sicher die antiangiogenen Substanzen und deren Injektion in das Auge, die den größten Fortschritt für unsere Patienten gebracht haben. Ich hatte das Glück in der präklinischen Erprobung dieser Substanzen in den Tiermodellen vor 20 Jahren in Boston mitwirken zu können. Obwohl uns damals klar war, dass hier etwas entstehen würde was die Therapie von Gefäßerkrankungen grundlegend ändern würde, war uns jedoch nicht unmittelbar bewusst welche Tragweite die Entwicklung von anti-VEGF Substanzen für die Augenheilkunde und auch anliegende Gebiete der Medizin sein würde. Ich habe damals in einem onkologischen Labor gearbeitet, wo man versuchte die Streuung von Tumoren durch eine Begrenzung des Gefäßwachstums zu verhindern. Dies ist leider nur teilweise gelungen, umso größer war aber der Effekt der direkten Eingabe dieser Medikamente in das Auge auf vaskuläre Erkrankungen der Netzhaut und Aderhaut. Heute sind die Anti-VEGF-Substanzen aus der Therapie nicht mehr weg zu denken.
Neben dem Finden einer effektiven Therapie, muss aber noch einiges dazukommen, um die breite Anwendung erst möglich zu machen: Dies ist dann z. B. die Entwicklung der entsprechenden Bildgebung zur Kontrolle des Therapieerfolges (z. B. der optischen Kohärenz-Tomografie), die Entwicklung von länger anhaltenden Maß gescheiterten Antikörpern und so weiter.

Sie engagieren sich in der unabhängigen Expertenkommission des Deutschen Förderprogramms für Augenheilkunde von Bayer. Wie stufen Sie selbst die Bedeutung dieses Förderprogramms ein und was ist Ihre Erwartung?

Das Förderprogramm zeichnet innovative Arbeiten junger Kollegen im gesamten Bereich der Augenheilkunde aus. Es geht darum Projekte zu prämieren die innovativ sind, jedoch gleichzeitig translational ausgerichtet, d. h. sie sollen einen möglichen Nutzen für die Patienten erbringen.
Gerade für noch nicht etablierte Forscher mit bereits guten Vorarbeiten, ist dies eine Möglichkeit mit eigener Finanzierung ein Projekt durchführen zu können, was vielleicht nicht immer der Hypothesen betriebenen Forschung die z. B. durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wird, entspricht. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise ein innovatives systemmedizinisches Projekt gefördert.

Welchen Stellenwert hat die Forschung im Alltag einer heutigen universitären Augenklinik?

Die Aufgabe der universitären Augenheilkunde ist ja neben Lehre und Krankenversorgung unmittelbar die Forschung im Fachgebiet. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft hat auch in diesem Jahr wieder einen Band zum Thema Spitzenforschung in der Augenheilkunde herausgebracht in dem die Schwerpunkte der einzelnen Kliniken dargelegt sind.
In Berlin befassen wir uns schwerpunktmäßig mit experimenteller und klinischer Forschung im Bereich okulärer Gefäßerkrankungen. Darüber hinaus liegen die klinischen Forschungsschwerpunkte im Bereich der Hornhauttransplantation, der okulären Onkologie, und der Weiterentwicklung chirurgischer Verfahren im Bereich des vorderen und hinteren Augenabschnittes. Aufgrund der Größe der Klinik sind in Berlin natürlich viele verschiedener Forschungsthemen und Schwerpunkte möglich.
Wir versuchen mit speziellen Programmen, die Forschung besser in den Alltag der Klinik integrieren zu können. Im Rahmen des Clinical Scientist Programms können Mitarbeiter in der Weiterbildung einer 50%ige Freistellung für die Forschung erlangen. Im Labor der Augenklinik sowie im Studienzentrum arbeiten biologische und ärztliche Mitarbeiter in Vollzeit an Forschungsthemen. Hierdurch wird gewährleistet das die vorherrschenden klinischen Mitarbeiter ein gutes Umfeld für ihre Projekte vorfinden. Nur so lässt sich experimentelle aber auch klinische Forschung in den oftmals anstrengenden klinischen Alltag integrieren.

Wie ist Ihre Erwartung bzgl. möglicher Innovationen innerhalb der Augenheilkunde in den kommenden fünf Jahren?

Die Suche nach einem Faktor X der ein Problem lösen kann wird in Zukunft sicher nicht mehr durch hypothesengetriebene Forschung erfolgen können.
Modelle der Zukunft sind eher die Analysen vielschichtiger Datensätze. Die Forschung muss daher deren standardisierte Erhebung sowie zielgerichtete Auswertung anstreben. Neue Disease Targets können nur dann sinnvoll angegangen werden, wenn zuvor eine neue Definition von Endpunkten für Krankheitsbilder erfolgt.
Auch die experimentelle Forschung muss sich dem unterordnen und nach einem phänotypischen Screening dann Wirkungsmechanismen identifizieren.
Wichtig wird sicher in den kommenden fünf Jahren auch eine Repositionierung von bekannten Therapeutika in neue therapeutische Bereiche sein – sozusagen ein Drug-Recycling. So muss Bekanntes und Neues Hand in Hand genutzt werden für neue und sicherere Therapieoptionen.
Spannend bleibt der Einzug der Gentherapie in die Klinik und die Ausweitung der klinisch anwendbaren gentherapeutischen Anwendungen auf dem Weg zur Krankheitsmodulation multifaktorieller und multigenetischer Erkrankungen.